Jesus und Kaiphas – Feinde um unsertwillen
Gedanken zu Joh 11,47-53
von Klaus-Peter Lehmann
Antijüdische Überspitzung
Kaiphas war der Hohepriester des Jerusalemer Tempels von 18-37 p. C. Die traditionelle Auslegung der Evangelien sieht in ihm einen Vertreter des priesterlichen Establishments des jüdischen Volkes unter römischer Besatzung, der in besonders fanatischer Weise die Verurteilung Jesu betrieb.
J. A. Bengel sieht Kaiphas als einen, der desto begieriger war, Jesum zu tödten. (1) Für D. Bonhoeffer schreit die jüdische Volksmenge von den Hohepriestern aufgereizt gegen Jesus. (2) Ähnlich sieht es E. Stauffer: Kaiphas wünscht den Tod des Galiläers. Pilatus wehrt sich. Der jüdische Pontifex Maximus droht: Wenn du diesen Mann freilässt, bist du nicht lange mehr Amicus Caesaris. Pilatus begreift, was auf dem Spiele steht und gibt nach. (3)
Die traditionelle Auslegung vermittelt ein Bild, nach dem der jüdische Hohepriester aus persönlicher Gier und machtpolitischer Willkür gehandelt hätte. Die Interpretationen seines Handeln sind psychologischer nicht theologischer Natur. Bemühungen, ihn aus der Perspektive seines Hohepriesteramtes als einen reflektiert und verantwortlich Handelnden zu versehen, fehlen gänzlich. Das, obwohl das Johannesevangelium, dafür klare Hinweise gibt (11,49f). Statt diese Worte aufzugreifen, vergleicht man das Amt des alttestamentlichen Hohepriesters mit dem römischen Pontifex, in dem Religion und Machtpolitik heillos vermengt sind. (4)
Der prophetische Rat des Kaiphas
Joh 11,47-53 berichtet von einer Versammlung des Synhedrions. Der oberste Rat des jüdischen Volkes aus Priestern und Pharisäern war im Blick auf die Folgen des messianischen Wirkens Jesu (5) ratlos und befürchtete die totale Unterdrückung jüdischen Lebens in Israel durch Rom:
V. 47: Da versammelten die Priester und Pharisäer das Synhedrion und sagten: Was sollen wir tun? Denn dieser Mensch tut viele Zeichen.
V. 48: Wenn wir ihn so frei gewähren lassen, alle werden ihm vertrauen, und die Römer werden kommen und uns wegnehmen sowohl den Makom als auch das Volk.
V. 49: Einer aber von ihnen, Kaiphas, er war Hoherpriester jenes Jahres, sagte zu ihnen: Ihr wisst nichts.
V. 50: Und ihr bedenkt nicht, dass es euch nützt, wenn ein Mensch für das Volk stirbt und nicht das ganze Volk umkommt.
Der Rat befürchtet die Unterdrückung alles eigenständigen jüdischen Lebens in Israel. Das meint der Satz von der befürchteten Wegnahme des Tempels (6) und des Volkes durch Römer. Die Konfiszierung bzw. Zerstörung des Tempels und die zwangsweise Paganisierung des Volkes sind historische Erfahrungen Israels und waren auch angesichts der römischen Besatzungspolitik keine unrealistischen Befürchtungen, wie sich später zeigte. Der jüdische Aufstand im Jahre 70 führte zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels und der Aufstand der Jahre 132-135 zum Verbot des Thora-Lehrens im Land. Besonders unter Kaiser Hadrian versuchten die Römer das jüdische Frömmigkeitsleben in Israel mit grausamer Verfolgung auszutrocknen. (7) Diese Befürchtung also und der aus ihr folgende Rat des Kaiphas sind offenbar realistisch, wenn nicht weitblickend. Dahinter stand eine genaue Beobachtung der Politik der römischen Okkupationsmacht, die Grausamkeiten und umfängliche Massaker nicht scheute. Besonders nervös und brutal reagierte das römische Militär auf messianische Bekundungen (Zeichen), die für sie Rebellion gegen den Kaiser waren.
Der Rat des Kaiphas implizierte eine politische Aussage, mit der eine militärische Intervention und das Ende Israels verhindert werden sollten. Sie besagte im Blick auf die Römer: Wir haben mit Messianismus und Aufstand nichts zu tun, werden damit selber fertig, indem wir, den römischen Behörden untertan, ihnen messianische Rebellen ausliefern. Sie besagte im Blick auf die Juden: Wenn wir so handeln, halten die Römer still und das Gottesvolk bleibt am Leben, jetzt in relativer rechtlicher und religiöser Autonomie, was Voraussetzung ist für sein befreites Weiterleben nach dem Untergang der Weltmacht Rom.
Um diese Frage ging es: Wie kann Israel in seinem Land angesichts der Aussichtslosigkeit jedes Aufstandes die Großmacht Rom überleben? Der politische Pragmatismus der Priester und Pharisäer des Synhedrions erscheint naheliegend, politisch verantwortungsbewusst und sogar prophetisch, zumindest auf die Zukunft Israels bedacht.
Der prophetische Glaube der Jesusgemeinde
Johannes sieht diese Prophetie in den Worten des Kaiphas. Er sieht, dass seine Worte sich mit den prophetischen Hoffnungen der Jesusgemeinde überschneiden:
V. 51: Dies aber sagte er nicht von sich aus, sondern weil er Hoherpriester jenes Jahres war, weissagte er (epropheeteusen), dass Jesus für das Volk sterben sollte,
V. 52: und nicht für das Volk allein, sondern damit er auch die zerstreuten Kinder Gottes in Eins versammelte.
Jesus stirbt nach dem Willen des Kaiphas (V. 50), der sich mit Gottes willen überkreuzt, (V. 51), für das Volk (hyper tou laou). (8) D.h. er stirbt für die Rettung Israels, für die Erhaltung Israels unter der Besatzung als Voraussetzung seiner späteren Freiheit.
Auch für die Apostel Jesu Christi ging es um Wiederaufrichtung (apokathisteemi, Apg. 1,6) des Gottesvolkes in vollständiger Autonomie, als jetzt vorbereitetes und beginnendes eschatologisches Ereignis, für das sie als Zeugen (martyres, Apg. 1,8) in die Völkerwelt gesandt sind.
Wo ist die Differenz zwischen der Hoffnung des Synhedrions, das dem Rat des Kaiphas zustimmte, und der der Jesusgemeinde? Erstere sehen in der militärischen Zurückhaltung der Römer die Voraussetzung für das Weiterleben Israels. Die Jesusgemeinde erhofft eine Rettung Israels, die aus der Völkerwelt kommt, dass er auch die zerstreuten Gotteskinder zur Einung zusammenführe (V. 52b).
Die Kinder Gottes sind diejenigen, die dem Namen Gottes vertrauen (Joh 1,12). Sie sind die aus den Völkern, die durch das Werk Jesu Christi Zutritt zu den Verheißungen Abrahams erlangten und seine Werke tun (Joh 8,39), die Werke der Völkerversöhnung. Sie sind die, die Israels Wiederaufrichtung vor den Augen der Völker (Luk 1,68f; 2,30-32; Apg 1,6; 15,16) auf den Weg bringen. (9) Sie sind der Leib Christi, der Leib des Messias aus Juden und Heiden, der Israel aus der Völkerwelt entgegenkommt. Diese versöhnende Zusammenführung von Völkern, der universalen Kirche Jesu Christi, mit Israel im Geist der Thora ist in geschichtlichen Epochen gedacht ein stabiles Bündnis, stabiler als ein ausgehandeltes Übereinkommen mit einer Großmacht, vor der man zittern muss. Dieses Bündnis wird Israel auf ewig vor seinen Feinden erretten (Luk 1,71ff) und nicht nur Aufschub bis zu einer erneuten Bedrohung gewähren.
Die Feindschaft der Priester und Pharisäer zu Jesus beruht auch auf einem Missverständnis. Natürlich war die Jesusbewegung messianisch. Aber sie setzte nicht wie andere auf einen Aufstand, sondern auf eine thora- und israelfreundliche Klimawende in der Völkerwelt. Deshalb die Sendung der Apostel zu den nichtjüdischen Völkern (Mt 28,19). Das sollte weltweit Sympathisanten schaffen, zerstreute Gotteskinder, die durch ihre ökumenische Einung Luft zum Atmen für Israel schaffen. Ein anderer Weg als ein Aufstand sollte gleichwohl zu demselben Ziel führen. So stand der neuartige Messianismus Jesu dem Ansinnen des Synhedrions nicht direkt im Wege.
Feinde um euretwillen
Nach dem Zeugnis des Johannes handeln die Priester und Pharisäer, die dem Rat des Kaiphas folgen, wider Willen und unbewusst für das Werk Jesu Christi, das auf die Rettung Israels durch die Erfüllung der Verheißungen Abrahams abzielt, die Erfüllung der Landverheißung und des Völkerfriedens. Israel wird sicher und von Feinden befreit in seinem Land leben können, wenn die Völkerwelt von der Verheißung des Schalom der Thora immer mehr durchdrungen sein wird.
Kaiphas und die Thoralehrer um ihn handeln als Feinde Jesu und seiner Jünger für die Verwirklichung von deren Hoffnung, indem sie den Tod Jesu betreiben (Joh 11,53). Den Tod dessen, der durch seine Lebenshingabe die Völkerwelt errettet (Mk 10,45; Joh 3,16-18), d.h. an der Verheißung Gottes Anteil nehmen lässt (Eph 3,6). Was wiederum Israel zur dauerhaften Ruhe und Rettung vor seinen Feinden verhelfen soll (Lk 1,71; Röm 11,26).
Die Jesus ablehnenden Juden seien Feinde um euretwillen ruft Paulus den Jesusgläubigen in Rom zu (Röm 11,28). Dasselbe ruft Johannes seiner Gemeinde mit den Versen 11,47-53 zu: Kaiphas betreibt wider Willen unsere, die evangelische Sache für Israel.
Das hohepriesterliche Amt
Für Johannes handelt Kaiphas entsprechend dem prophetischen Horizont des hohepriesterlichen Amtes. Die Evangelien kennen keine psychologischen oder religiösen Bewertungen seines Handelns. Johannes sieht Kaiphas in der Spur seines Amtes handeln. Er weissagt, er redet prophetisch. Dass er damit mehr tut, als er weiß, betont nur, wie sehr sein Handeln wenn auch unfreiwillig der Versöhnung der Völkerwelt durch Jesus Christus dient, d.h. von Gott zum Wohle Israels gelenkt ist.
Das Amt des Hohepriesters steht für die Reinigung ganz Israels von allen seinen Sünden: er soll Sühne vollziehen für das ganze Volk… das soll den Israeliten ein höchster Sabbattag sein (Lev 16,30ff). Die Namen der zwölf Söhne Israels stehen auf den beiden Brusttaschen und Schulterstücken des Priestergewandes (Ex 28,2-21). Will heißen: Das Wohl ganz Israels ist dem Hohepriester aufgetragen, er soll darauf sinnen, er trägt Verantwortung dafür. Sinn und Traglast des hohepriesterlichen Amtes ist die Rettung und Befreiung Israels. Zweifellos handelt Kaiphas seinem Amt gemäß, sowohl aus seiner eigenen Sicht, wenn er die Katastrophe, in der das ganze Volk umkommt, vermeiden will, wie aus der Sicht des Johannes, wenn er unfreiwillig an der Erlösung der Völkerwelt, die Israel dient (Röm 15,8), mitwirkt.
Das jüdische Nein
Dem Evangelisten und dem Hohepriester schweben ein politisch befreites Israel vor Augen. Die verschiedenen Vorstellungen vom Weg dorthin bringen Jesusgemeinde und Synhedrion in einen äußerlichen Gegensatz. (10) Das Synhedrion sieht in der aktuellen politischen Erhaltung Israels die Voraussetzung für die Zukunft des Gottesvolkes. Die Jesusgemeinde sieht in der Israel-Solidarität, die aus der Völkerwelt kommt, die Voraussetzung für seine politische Freiheit und geschichtliche Zukunft.
Aus der Sicht der Priester und Pharisäer des obersten jüdischen Gremiums erscheint die Beseitigung der Provokation, die eine messianische Bewegung für die Römer darstellt, unvermeidlich. Sie mussten den Tod Jesu verfolgen. Damit überkreuzt sich die jüdische Lehre Jesu, dass der Sohn des Menschen viel leiden muss (Mk 8,31). Ungewollt wirkt der Hohepriester für Christi Werk, für die Einung der zerstreuten Kinder Gottes in der Liebe des gekreuzigten Jesus (Kol 3,14) und für das Nahekommen der einst Fernen in dem Blut Christi zu den Verheißungen und dem Bürgerrecht Israels (Eph 2,12f).
Kaiphas dient dem Gott Israels und dem Vater Jesu Christi als heilsgeschichtliches Werkzeug zur Erlösung der Menschheit. So ist das jüdische Wirken für den Tod Jesu in evangelischer Sicht zur Voraussetzung kirchlicher Existenz geworden. Das jüdische Nein zu Jesus Christus ist Integral des christlichen Glaubens an die durch Jesu Tod und Auferstehung eingeläutete ökumenische Völkerversöhnung, den weltweiten Schalom der Thora. Denn „die jüdische Ablehnung des Evangeliums hat Platz für den Eintritt von Nichtjuden in Gottes Heilshandeln geschaffen“. (11) Das jüdische Nein dient der guten Sache Gottes. Kaiphas ist Feind Jesu sind um unsertwillen.
- J. A. Bengel, Gnomon, S. 553, zu Joh 18,14
- DBW 9, S. 574
- E. Stauffer, Christus und die Caesaren, 1952, S. 131
- Pontifex Maximus = urprünglich Oberaufseher des römischen Vesta-Kultes, der Göttin des Staatsfriedens, deren Feuer in einem Rundtempel auf dem Forum Romanum von den Vestalinnen unablässig erhalten werden musste. Vestalinnen, die die Keuschheit brachen, wurden lebendig begraben. Der Titel des Pontifex Maximus ging später auf den Kaiser über. Auch der christliche Kaiser Konstantin d. Gr. trug ihn.
- Von den messianischen Zeichen im Werk Jesu sprechen Mt 11,1-6, Luk 4,18f; Jes 61,1. Direkt vor unserer Passage berichtet Johannes in 11,1-16 von der Auferweckung des toten Lazarus.
- Im Griech. steht hier topos = Ort, gemeint ist der hebr. Makom, der Ort der Gegenwart JHWHs, der Tempel.
- Unter Hadrian erlitten Rabbi Akiva (Beracha 61b) und Rabbi Chanina ben Tradyon (Aboda sarah 18) das Martyrium.
- V. 51: hyper tou ethnous meint, wie Wengst, Das Johannesevangelium, 2. Bd., S. 41, darlegt, das jüdische Volk.
- Selbstverständlich kommt die Gotteskindschaft Israel, den Juden zu: Geliebt sind die Jisraeliten, denn sie heißen Kinder Gotttes (Aboth 3,18). Das Neue Testament überträgt sie auf diejenigen, die durch Jesus Christus den Verheißungen nahegekommen sind (Eph 2,12) und deshalb Kinder der Verheißung (Gal 4,28) heißen.“ Wenn die Völker durch Jesus den Gott Israels als den einen Gott aller Welt und damit als den ihren erkennen, dann können sie doch nicht mehr Gottes Volk Israel bedrängen und bedrücken und sich feindlich gegen es verhalten. Dann müsste sich doch für Israel erfüllen, was Zacharias gesagt hatte, dass es uns gegeben sei – befreit aus der Hand unserer Feinde – ohne Furcht Gott zu dienen in Lauterkeit und Gerechtigkeit, vor ihm all unsere Tage“ (Luk 1,73-75). (Kl. Wengst, Land Israel und universales Heil im Neuen Testament, Vortrag, 13.5.11, Studientagung des Dt. Koordiniergsrates d. Ges. für christl.-jüd. Zusammenarbeit)
- Die wiederholten Konfrontationen der Apostel mit dem Hohen Rat in Apg 4; 6f; 12 u.ö. haben hier ihre Ursache.
- F. W. Marquardt, Feinde um unsretwillen,. Das jüdische Nein und die christliche Theologie, in: Treue zur Thora, Institut Kirche und Judentum, Berlin 1977, S. 184
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