Du sollst dir kein Bildnis machen
Wort-Bilder contra Bild-Bilder
von Michael Weinrich

1. Die Gefahr des Bilderdienstes

In der jüdisch-christlichen Tradition lautet das Bilderverbot:
"Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild, weder dessen, was oben im Himmel, noch dessen, was unten auf Erden, noch dessen, was in den Wassern unter der Erde ist; du sollst sie nicht anbeten und ihnen nicht dienen; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht an den Kindern derer, die mich hassen, der aber Gnade übt bis ins tausendste Geschlecht an den Kindern derer, die mich lieben und meine Gebote halten." (Ex 20,4-6; Zürcher Bibel)

Dieses Gebot gehört zu den Geboten der so genannten linken Tafel, denen es um die Wahrung der Gottheit Gottes geht. Aber der Schutz, den dieses Gebot gewähren will, gilt nicht allein Gott, sondern vor allem denjenigen, die es halten sollen. Die Menschen sollen davor bewahrt werden, der Versuchung zu erliegen, sich an einen selbst gemachten Gott zu verlieren. Sie sollen vor der Trostlosigkeit bewahrt werden, den lebendigen Gott und seine lebendigen Verheißungen aus den Augen zu verlieren.

Es gibt nichts, was die Bedeutung des Bilderverbots prägnanter erhellt, als die bekannte Erzählung von dem goldenen Stierbild am Fuße des Sinai (Ex 32). Das aufgestellte Gottesbild sollte dazu beitragen, den Gottesdienst erlebnisreicher zu gestalten. Der Hingabe und Ganzheitlichkeit sollte im wahrsten Sinn des Wortes auf die Sprünge geholfen werden, aber was herauskam, war ganz-heidnisch. Es wurde ein prachtvolles Standbild errichtet, eine Art sichtbare Stellvertretung Gottes, und um dieses Standbild herum wird im Tanz fromme Fröhlichkeit inszeniert. Und so wird getanzt, gewiss nicht freudlos, aber wohl etwas leichtfüßig. Alles, was wertvoll ist, wird in dieses Stierbild eingeschmolzen, die goldenen Ringe und unsere Phantasie von Kraft und Stärke - ein Standbild mit Augen betörendem Glanz, ein Gott zum Anfassen, zusammengegossen aus der ganzen Herrlichkeit dieser Erde. Wie schnell Menschen zum Tanzen gebracht werden können, haben wir noch vor wenigen Wochen nicht nur in Rom beobachten können; - auch die Leichtfüßigkeit des Kirchentags ist keineswegs davor gefeit, vor allem das leicht entzündliche Feuer religiöser Wellness anzusprechen.

Doch da erscheint Mose, der Bilderstürmer, mit dem Gebot Gottes in der Hand und bereitet dem bunten Treiben ein jähes Ende. Erst liegt das Gebot Gottes in Scherben, dann aber der goldene Stier. Dieser mit hohen Investitionen mühsam errichtete Inbegriff menschlicher Werte und irdischer Schönheit liegt zerstört am Boden. Er sollte uns helfen, die ungastliche Wüste ein wenig genießbarer zu machen. Ein bisschen von dem gelobten Land, in das Gott uns zu führen versprochen hat, wollen wir doch schon jetzt erleben. Der goldene Stier hat uns eine Menge gekostet. Nicht nur uns selbst, sondern auch vielen anderen haben wir das Geld dafür abgepresst - für einen guten Zweck. Und wie gesagt: Das Glanzstück betört das Gemüt, so dass man die unübersehbare Wüste drum herum zu vergessen beginnt. In Las Vegas - diesem perfekten Vergnügungszentrum mitten in der Wüste - ist immer etwas los, eine ebenso betörende wie trügerische Glitzerwelt, in der sich im besten Fall genau das gewinnen lässt, was dort investiert wird, vielleicht auch etwas mehr, aber eben nichts anderes. Wahrscheinlicher aber ist, dass wir das, was wir in diesen Wüstenglimmer investieren, verlieren werden. Noch hat kein goldener Stier eine Wüste fruchtbar gemacht, um vom gelobten Land ganz zu schweigen.

Der religiöse Goldrausch beschäftigt uns mit uns selbst. Und weil bei diesem religiösen Schneewittchenspiel immer einige Zweifel bleiben, treten wir immer wieder erneut vor den Spiegel unserer Gottesbilder und hoffen auf die ersehnte Bestätigung. Ein endloses Spiel der Selbstbeweihräucherung, in dem jede und jeder mit seinem intimen Gottesbild für sich bleibt. Wenn der Mensch zu Gott nicht aus sich herausgeht, sondern sich in seiner Frömmigkeit in sich selbst hineintanzt, ist es kein Wunder, wenn er dann am Ende auch allein sich selbst begegnet.

2. Die Notwendigkeit der Bilder

Wenn so deutlich auf die Gefahr des Bilderdienstes hingewiesen wird, muss sogleich aber auch folgendes gesagt werden: Ganz gleich, auf welche Weise wir von Gott zu reden versuchen, wir kommen nicht darum herum, uns eine Vorstellung und somit ein Bild von ihm zu machen. Auch da, wo nur etwas zu hören ist, gibt es stets etwas zu sehen. Begriffe und Bezeichnungen sind Wort-Bilder. Selbst wenn sie etwas ganz Abstraktes zur Sprache bringen wie etwa der Begriff ›Transzendenz‹ oder das Adjektiv ›unsichtbar‹, bleiben sie in unmittelbarer Verbindung mit den wesentlichen Eigenschaften von Bildern: sie geben den Anstoß dazu, dass sich zumindest in unserem Kopf etwas bildet.

Wenn wir von Gott sprechen, unternehmen wir den Versuch, mit der von unseren Worten begrenzten Vorstellungskraft auch das auszudrücken, was sich seinem Wesen nach nicht den Bedingungen der Diesseitigkeit unterwerfen lässt. Wir sind nicht nur gezwungen, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, sondern dazu aufgefordert, Licht mit den Mitteln der Finsternis zu beschreiben, Wasser mit dem Staub der Wüste, einen Kreis mit Hilfe von Vierecken oder eine Flüssigkeit mit Hilfe eines Geodreiecks. Wir müssen wie Blinde von der Farbe sprechen und sollten froh darüber sein, dass das überhaupt geht, auch wenn es nur mehr schlecht als recht gelingt. Wir sollten unsere Bilder niemals für das halten, was sie abbilden wollen, denn das Vorstellungsmaterial, aus dem sie geformt werden, ist tatsächlich himmelweit von dem entfernt, was mit ihm beschrieben werden soll - eben so weit wie das Licht von der Finsternis bzw. der Wüstenstaub vom Wasser. Unser Instrumentarium, auch wenn es noch so phantasievoll religiös oder meditativ sensibilisiert sein mag, reicht grundsätzlich nur bis an die uns vom Diesseits gesetzten Grenzen heran und eben nicht darüber hinaus.

Das ist in der Bibel nicht anders. Auch sie spricht von Gott in Bildern. Selbst wenn von Gott in größtmöglicher Unanschaulichkeit etwa nur als "dem Namen" (haSchem) gesprochen wird, lässt sich zwar die Vorsicht spüren, die Unvergleichlichkeit Gottes möglichst unberührt zu lassen, aber zugleich wird deutlich, dass auch die Unvergleichlichkeit eben nur mit dem Mittel des Vergleichs benannt werden kann.

Anders als beim Namen Gottes ist den meisten biblischen Bildern allerdings die mit ihnen verbundene Vorsicht nicht auf die Stirn geschrieben. Gott wird als König, als Vater, als Fels, als Schild, als Licht, aber eben auch als Mutter, als Henne oder Amme umschrieben. Gott ist wie eine Burg, wie ein Löwe, wie ein Vogel - ein Adler -, eine Quelle, ein Fluss, wie die Sonne. Gott ist der Befreier der Gefangenen, der auch den Witwen zu ihrem Recht verhilft. In seiner Auflistung biblischer Gottesbilder macht Jürgen Ebach darauf aufmerksam, dass sich die Metaphorik auch ganz überraschender Bilder bedienen kann: Gott erscheint etwa in der Schöpfungsgeschichte "wie ein Metallarbeiter, der die Himmelsplatte wie eine Kupferschale herstellt und von diesem und anderen Werken, wörtlich (Gen 2,2): ›von seiner Maloche‹, ausruht". Wenig später sieht die Bibel Gott durch den Garten Eden einen Abendspaziergang machen, oder er erscheint dem ahnungslos vor seinem Zelt hockenden Abraham in der Gestalt von drei Männern, was diesen aber offenkundig nicht daran hindert, ihn wahrzunehmen (Gen 18). Insbesondere in den neutestamentlichen Gleichnissen finden sich noch ganz andere, keineswegs weniger überraschende Gottesbilder: Da wird Gott mit einem verreisten Hausbesitzer verglichen, mit einem ungerechten Richter, mit einem Geldverleiher, einem Sämann, der blindlings seinen Samen auch unter die Dornen, auf den Weg und sogar auf den Fels auswirft, mit einem rigorosen Unkrautausrupfer, mit einem doch seltsamen Hirten, der für ein verlorenes Schaf all die anderen allein lässt, mit einer glücklichen armen Frau, die ihren verlorenen Groschen wieder findet. Oder er wird einem Weinbergbesitzer verglichen, der alle seine Tagelöhner großzügig mit dem ganzen Lohn bedenkt, obwohl manche von ihnen noch nicht einmal richtig mit ihrer Arbeit begonnen hatten. Und dann dieser tragische und in seiner Großzügigkeit unberechenbare König, dem bei seiner Hochzeitsfeier zunächst die Gäste ausbleiben, der sich dann aber als befremdlich cholerisch erweist, als er die wunschgemäß eilends von den Straßen herbeigeschafften Verlegenheitsgäste inspiziert und jemanden unter ihnen findet, der nicht angemessen gekleidet ist (Mt 22,1-14).

Alle diese biblischen Wort-Bilder Gottes kennen wir, und es gibt gewiss noch viel mehr. Kann sich nun jede und jeder heraussuchen, was sie oder er für richtig hält? Oder müssen wir uns nun eingestehen, dass sich die nun heraufbeschworene Konfusion nicht recht auflösen lässt? Kann uns in dieser Frage das Bilderverbot eine Hilfestellung geben?

Zunächst sollten wir uns Rechenschaft ablegen über den spezifischen Charakter der biblischen Wort-Bilder. Es ist angesichts all der Bilder, die wir eben gehört haben, von vornherein problematisch, wenn wir glaubten, in all den Wort-Bildern Gottes nun zu sehen zu bekommen, wer oder was Gott ist. Damit stoßen wir auf ein fest im Auge zu haltendes Problem: Die Bilder sind alle nicht am Sein Gottes bzw. weniger philosophisch ausgedrückt: an Gott als einer eigenen Gestalt interessiert, auch nicht in der Weise, als ließe sich das Wesen Gottes zwar nicht einfach in einem Stück - so wie beim goldenen Stier -, aber eben doch Facette für Facette beschreiben. Die nebeneinander gestellten Bilder ergeben nicht wie ein Mosaik am Ende ein Ganzes. Wir kennen Gott nicht an und für sich.

Oder ganz anders gesagt: Nach dem Zeugnis der Bibel ist Gott nicht so eine Art ›Fort Fun‹ oder gar ›Phantasialand‹, dem sich je nach Bedarf ein vergnüglicher Besuch abstatten lässt; er ist keine sich permanent bereithaltende Möglichkeit, die in ihrer Ohnmacht durch die Kirchen für sich werben lässt. Vielmehr geht es um eine immer bereits lebendige Wirklichkeit, die sich ereignet. Wir wissen von Gott nicht, weil er existiert, sondern allein deshalb, weil er zu uns in Beziehung steht - das ist ein großer Unterschied. Wir kennen Gott nur als den, der an uns handelt und der sich in seiner Aktion zu erkennen gibt. Und wir wissen von den Aktionen Gottes deshalb, weil sie ihrem Wesen nach Interaktionen sind. All die biblischen Wort-Bilder haben keine Seinswirklichkeit, sondern diese Beziehungswirklichkeit im Blick, in die der Mensch in der Tat immer schon vereinnahmt ist, sobald er von ihr Wind bekommt. Sie erzählen von den Beziehungsverhältnissen, in denen sich Gott dem Menschen erwiesen hat, weil er sich in eben diesen Beziehungsverhältnissen erweisen will. Sie sind grundsätzlich keine Zustandsbeschreibungen, sondern Begegnungsorte bzw. Treffpunkte, an denen sich etwas ereignet, das uns nicht als Zuschauer daneben stehen lässt. Diese Gottesbilder wollen uns vor allem deshalb erreichen, weil uns das Geschehen, auf das sie verweisen, bereits erreicht hat.

Natürlich niemals alles auf einmal, auch nicht einfach der Reihe nach, und manches unter Umständen auch gar nicht. Das hängt dann auch von unserem Leben ab, das ebenso vielfältig ist wie die Wort-Bilder Gottes. Und so kommt uns Gott mal in diesem und mal in jenem Bild entgegen, um uns für sich und seinen Weg und schließlich auch für sein Ziel zu vereinnahmen - wohlgemerkt nicht pauschal, nicht über einen Kamm, keine falsch terminierten Gleichheitsparolen, sondern darin allen gleich, dass es jedem und jeder besonders gilt, weil es tatsächlich alle meint. Das heißt gerade nicht: jedem das Seine, sondern allen das Gleiche, was wegen all der Verschiedenheiten eben nur geht, wenn es nicht immer dasselbe ist. Die biblischen Wort-Bilder sind die Interaktionsbotschaften, auf die sich Gott ansprechen lassen will, sobald wir erkannt haben, dass wir von ihm längst angesprochen wurden.

3. Die Wahrheit des Bilderverbots

Worin besteht nun der Schutz, unter den unsere Bilder durch das Bilderverbot gestellt werden?

Das Bilderverbot zieht erstens eine klare Grenze zwischen den Wort-Bildern und den Bild-Bildern. Es ist den Wort-Bildern eigen, dass zu ihnen vor allem der unbestimmte Artikel passt: Gott ist wie ein Vater, eine Mutter, ein Hirte, ein Haushalter, eine arme Witwe oder ein Weinbergbesitzer. Es ist eine unbestimmte, zumindest aber unterbestimmte Bestimmtheit, die all diesen Wort-Bildern eignet. Bei den Bild-Bildern aber ist es genau umgekehrt: Sie müssen sich - ob sie es wollen oder nicht - für einen bestimmten Artikel entscheiden, und selbst, wenn sie ausdrücklich nur irgendeinen Vater oder irgendeine Witwe abbilden wollen, so können sie doch nur eben diesen einen und diese eine vor Augen stellen, die dann eben faktisch der Vater und die Witwe sind.

Es war insbesondere Zwingli, der auf eine Macht der Bild-Bilder verwies, der man sich nicht einfach entziehen könne. Er schätzte die Verführungspotenz der die Gemeinde während der Gottesdienste konstant anstarrenden Bilder und Standbilder so groß ein, dass er von Götzen sprach, die zwar einerseits als Nichtse zu beurteilen seien, die aber andererseits eben als solche unwillkürlich und permanent zur Devotion, zur Verehrung aufforderten. Die Selbstlosigkeit, die von den Bildern Gottes zu fordern ist, geht den Bild-Bildern grundsätzlich ab. Sie präsentieren ihre Fixierungen in einer Penetranz, auf die man immer wieder zurückgeworfen wird, wenn es heißt, über sie hinaus zu gehen. Ihre Animation ist immer auch eine Gefangennahme, die zwar erst im Bilderdienst öffentlich eingestanden, aber längst vorher vollzogen wird.

Wenn es um Gott geht, kommen nur Bilder mit unbestimmtem Artikel in Frage. Die Verleihung des bestimmten Artikels hat eine schwer zu limitierende Ermächtigung der Bilder zur Folge, die sie für den von ihnen zu leistenden Dienst untauglich macht. In diesem Sinne zieht das Bilderverbot zwischen Wort-Bild und Bild-Bild eine Grenze, deren Überschreitung die erstrebte Beziehung zu Gott bis zu ihrer Verstellung beeinträchtigt.

Doch auch im Umgang mit den Wort-Bildern bleibt das Bilderverbot zu bedenken. Das Bilderverbot schützt - das ist ein zweiter Aspekt - den Plural, die Vielzahl der Wort-Bilder. Damit schützt es das Bild als Bild, das nicht mehr als ein Bild ist und auch nicht weniger, eben ein Bild, das als solches im Blick auf Gott immer nur überaus ausschnitthaft, unvollkommen und vorläufig bleibt. Jedes Bild bedarf weiterer Bilder, bevor man im Bilde ist. Was uns für die arme Witwe einleuchten mag, dass sie als Bild nicht allein für die ganze Fülle Gottes stehen kann, ist schon keineswegs mehr so selbstverständlich, wenn wir an den guten Hirten denken, der uns beschützt und jedem verlorenen Schaf nachgeht. Immer wenn wir im Begriff sind, uns gleichsam mit einem möglichst schönen Bild von Gott einzurichten, meldet sich das Bilderverbot zu Worte: "Pass auf, dass aus dem Bild des guten Hirten, in dem dir Gott begegnen kann, dass aus diesem Wort-Bild Gottes nicht ein von dir selbst geschnitztes Standbild von Gott wird. Du darfst dir das Bild vom guten Hirten nicht einfach nach Belieben ausmalen, sondern du hast darauf zu achten, wie Gott selbst dieses Bild längst ausgemalt hat, denn dieser gute Hirte ist nicht einfach dein guter Hirte, sondern es ist ein guter Hirte, der wie die arme Witwe ist. Und eben nicht nur das: Es ist der gute Hirte, der wie ein gerechter Richter, wie ein Weinbergbesitzer und dieser merkwürdige Hochzeitsausrichter ist, der übrigens kommen kann, wie der Dieb in der Nacht. Du sollst dir kein Bildnis machen, sondern auf die Bilder achten, in denen Gott in eine Beziehung zu dir getreten ist."

Um des heiligen Singulars Gottes willen schützt das Bilderverbot den Plural der Wort-Bilder. Immer wenn wir uns auf ein Bild genauer einlassen, werden wir feststellen, dass es mit den Farben all der anderen biblischen Wort-Bilder Gottes gemalt ist und eben nicht einfach mit den Lieblingsfarben, mit denen wir es gemalt hätten. Insofern schützt das Bilderverbot nicht nur die Vielzahl, sondern eben auch jedes einzelne Bild vor den Übertünchungen mit unseren Farben. Es geht darum, dass sich uns Gott in den Bildern entdeckt, und nicht wir uns für kompetent halten, Gott in den Bildern zu entdecken, die wir für geeignet halten. Es geht um Bilder, die uns erreichen wollen, und nicht um Bilder, mit denen wir etwas erreichen wollen. Auf diesen Richtungssinn kommt es entscheidend an. Wenn das Bilderverbot den Plural der biblischen Wort-Bilder schützt, dann wacht es auch über den Richtungssinn der Bilder, der sich nicht einfach umkehren lässt.

Und zum Schluss noch eine dritte Grenzmarkierung: Das Bilderverbot steht auch gegen den theologischen Bilderdienst. Auch da, wo es überhaupt nicht um Bilder geht, kann es zu einem Konflikt mit dem Bilderverbot kommen. Wenn wir das bisher Gesagte damit zusammenfassen, dass es in dem Bilderverbot um die Wahrung der Souveränität und Freiheit Gottes gegenüber unseren Fixierungen geht, dann müssen wir unsere Aufmerksamkeit auch auf die Fixierungen richten, die sich selbst nicht als Gottesbilder verstehen, die sich aber faktisch in ihrem expliziten Bescheidwissen über Gott als Gottesbilder erweisen.

Die Rede von der Offenbarung Gottes oder seiner Menschwerdung wäre gründlich missverstanden, wollten wir annehmen, dass sich Gott damit selbst präsentiere. Eine Theologie, die meint, die Wahrheit des Handelns Gottes in ihre Obhut nehmen zu können, gerät mit dem Bilderverbot in Konflikt. Sie steht immer wieder in der Versuchung, den aussichtslosen Versuch anzustrengen, das nahrhafte Manna des Evangeliums in wohl portionierten Mengen einzutüten, um es ordentlich sortiert einzufrieren, damit es sich dann im Bedarfsfalle schnell auftauen und zum allseitigen Nutzen genießen lässt. Zwar will uns neuzeitliche Menschen die grundlegende Erkenntnis der Reformatoren nicht so recht überzeugen, dass wir uns ohne Gott in arger Bedrängnis bzw. gar in einem Gefängnis befinden, aber für den Fall, dass wir einmal in Gefangenschaft geraten, wollen wir doch auf die himmlische Arznei Gottes zugreifen können. Deshalb all die Versuche, sie auch philosophisch haltbar und anthropologisch attraktiv zu machen. Und so danken wir auch in den Kirchen - gleichsam vorsorglich - einem Befreier, von dem wir zumindest teilweise hoffen, dass wir ihn selbst nicht tatsächlich benötigen werden. Als moderne selbstbewusste Menschen beanspruchen wir, einen Gott zu sehen zu bekommen, der im Blick auf uns selbst noch unverrichteter Dinge dasteht, so dass wir uns erst noch die Zeit nehmen können, uns unsere Bilder auszumalen, worin er auch für uns wichtig werden könnte.

Gott tritt aber seinem Wesen nach nicht unverrichteter Dinge in Erscheinung. Wo Gott unverrichteter Dinge in Erscheinung tritt, kann es sich nur um eines der vom Bilderverbot verbotenen Gottesbilder handeln, mit denen wir glauben, Gott den uns passenden Platz in unserem Leben zuweisen zu können. Hatten wir eine Zeit lang vergessen, dass Gott als der Gekommene immer auch noch der Kommende ist, so haben wir heute bisweilen vergessen, dass der Erwartete bzw. Kommende eben der schon Gekommene ist. Die Mühe, mit welcher sich gute Theologie um die rechten Bilder Gottes bemüht, gilt der lebendigen Gegenwart Gottes. Wo diese nicht im Blick ist, werden genau die Standbilder errichtet, vor denen uns das Bilderverbot warnt. Wo es kein wirksames ›Es ist vollbracht!‹ (Joh 19,30) mehr gibt, wird sich die Hoffnung, dass er schließlich alle Tränen abwischen wird (Jes 25,8; Apk 7,17; 21,4), als überaus leichtfertig erweisen. Oder anders gewendet: Alle, die an eine Lehre von Christus glauben und nicht an den gegenwärtig lebendigen Christus, betreiben Idolatrie.

Die Wahrheit des Bilderverbots ist die Wahrheit, dass wir die Wahrheit nicht haben, und jede und jeder, die oder der sich einbildet, sie zu haben, befindet sich in einem flagranten Widerspruch zum Bilderverbot. Was wir aber haben, ist eine Fülle von über sich hinausweisenden Bildern, die uns das Geschehen der Wirklichkeit Gottes vor Augen führen wollen, in dem wir uns immer bereits befinden. Wir bekommen immer auch unser eigenes Bild vor Augen gestellt, welches wir niemals entdecken könnten, wenn wir nur auf uns selbst schauten.

Und auch dieses gilt: Selbst in der großen Vielfalt der Bilder ist dafür gesorgt, dass nicht einfach alles mit Gott in Verbindung gebracht werden kann. Die Bibel bleibt in dem Punkt nun wirklich nicht unklar, wo die Leidenschaften und die Abneigungen Gottes liegen. Seine Geschichte hat eine klare Perspektive, die mit dem Reich Gottes bezeichnet wird, und ist bestimmt von einer klaren wirklichkeitsverändernden Praxis, die im Kreuz Christi ihren Höhepunkt erfahren hat, damit uns über ihn und über uns selbst die Augen aufgehen und die Herzen brennen mögen. Weil Gott keine Anstrengung gescheut hat, uns deutlich zu machen, dass es nur Bilder Gottes gibt, in denen auch wir bereits vorkommen, haben wir allen Grund, Gott nicht damit zu brüskieren, dass wir immer wieder den Versuch anstellen, ihn auf sich selbst zu beschränken. Das heißt: "Du sollst dir kein Bildnis machen!"

Vortrag auf dem 30. Deutschen Evangelischen Kirchentag 2005 in Hannover am 27. Mai in der Messehalle 17. Meine Überlegungen greifen zurück auf M. Weinrich, Die Wahrheit des Bilderverbots. Historische und theologische Aspekte, in: Von den Bildern befreit zum Leben. Wahrheit und Weisheit des Bilderverbotes, hg. v. Jörg Schmidt (Reformierte Akzente 6), Wuppertal (Foedus) 2002, 17-42 (dort auch Belege und weitere Literaturangaben).

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