Interner Kalender

Redaktion: Hans-Georg Vorndran

BlickPunkt.e Nr. 4 / August 2016

 

KLAK-Zwischenruf
… auf dem Weg zu einer reformatorischen Theologie
im christlich-jüdischen Dialog

Die „Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden“ (KLAK) artikuliert aus Anlass des Reformationsjubiläums 2017 einen Zwischenruf im Sinne einer reformatorischen Theologie im Angesicht Israels. Die KLAK begrüßt die Kundgebung der EKD-Synode „Martin Luther und die Juden“ vom 11. November 2015 und schätzt sie als notwendige Klärung sowie weitere Stärkung der Bande zwischen Juden und Christen. Die KLAK reiht sich ein in die Umkehrbewegung der evangelischen Kirche in ihrem Verhältnis zum Judentum. Sie macht sich die im Synodenpapier benannten und nach wie vor offenen Aufgaben einer Neuformulierung reformatorischer Theologie zu eigen.

1. Leben – gratis!

Von Zeit zu Zeit ist es an der Zeit, das Wichtigste zu sagen. Damals im 16. Jahrhundert und heute wieder. Zentrales. Das, worauf es ankommt im Christsein und im Menschsein überhaupt – nämlich: Ich bin, was ich bin, nicht durch mich selbst, nicht aufgrund meiner eigenen Fähigkeiten und Leistungen. Ich bin, was Gott in Christus aus mir macht und ein für alle Mal gemacht hat: geliebtes Gotteskind, unverdient, aus freier Gnade. Im Verständnis der Reformation ist hier die Mitte der Botschaft des Evangeliums formuliert: die Rechtfertigung des Menschen aus Gottes Gnaden und nicht aus eigenen Werken. Die Anlässe und Zeitumstände auf das Wesentliche dieser Botschaft zurückzukommen, mögen durch die Jahrhunderte variieren, doch der Kern der Antwort bleibt derselbe.
Dabei hat Martin Luthers Neubetonung der biblischen Rechtfertigungsbotschaft durchaus irdische, welthafte Konsequenzen: Sie reichen hinein bis in die individuellen und sozialen Lebensbeziehungen. Schenkt sie doch die Freiheit des Seindürfens: Ich verdanke mein Leben nicht meinen eigenen Leistungen und Sinngebungen. Deshalb finde ich mein Leben nicht in mir selbst, auch nicht in meinen besten Anteilen, sondern im Glauben an den, der alles für mich gegeben hat. Das ist Gnade: Meine Existenz, ihr Sinn und ihr Gelingen sind mir geschenkt. Eine Botschaft, eine gute Nachricht, die es wert ist, zu allen Zeiten – und von Zeit zu Zeit im Besonderen - erinnert zu werden, auch und gerade heute. Die Liebe befreit vom Fluch des Zwangs zur Selbstverwirklichung und befähigt zur Selbstannahme.
Nach dem denkwürdigen Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517 ergab sich für Martin Luther bekanntlich die Gelegenheit, in Heidelberg seine reformatorischen Gedanken zur Diskussion zu stellen. In der Heidelberger Disputation vom April 1518 betont Luther, dass sich das Sein des Menschen vor Gott allein der schöpferischen Liebe Gottes verdanke. Dies in Kirche und Gesellschaft wieder neu ins Bewusstsein gebracht zu haben, ist Luthers bleibendes Verdienst.

2. Vom dunklen Schatten des Reformators

Der Impuls der Reformation ist Erinnerung an genuin Biblisches; er taugt an sich nicht für Antagonismen und Trennungsszenarien. Und doch hat er eminent spaltende Wirkung entfacht – zwischen Kirchen und Konfessionen, gerade auch zwischen Christen und Juden. Hat doch Martin Luther gemeint, sein großes Anliegen vom Evangelium der Freiheit kontrastieren zu müssen gegenüber einem angeblich gesetzesverhafteten Judentum. Hier zeichnet er sich überdeutlich ab: der dunkle Schatten des Reformators. Der alte Gegensatz zwischen perfidia judaica und fides christiana, zwischen vermeintlicher jüdischer Halsstarrigkeit und christlicher Glaubensfrische, erhielt beim Neuerer in Wittenberg weiter Nahrung.
Zeitlebens schöpfend aus den Worten der Hebräischen Bibel konnte Luther doch zu keiner Zeit eine aus dieser Schrift lebende jüdische Glaubens- und Lebensweise positiv in seiner Theologie denken. In den Psalmen fand er seine reformatorischen Grundgedanken wieder – dem real lebenden Volk der Psalmen konnte er aber zu keiner Zeit einen theologischen Wert zuschreiben. Statt eines unverstellten Wahrnehmens jüdischer Menschen und ihrer Glaubenswelt folgte der Reformator einem kursierenden Halbwissen aus zweiter Hand. Ein einziges Mitvollziehen synagogaler Liturgie an den Hohen Feiertagen zwischen Rosch ha-Schana und Jom Kippur hätte dem Prediger der unverdienten Gnade Gottes die antijüdische Binde von den Augen nehmen können:
Avínu malkénu chonénu va‘anénu ki ejn bánu ma‘assím! asséh immánu tsedaká va-chässäd ve-hoshi’énu – „Unser Vater, unser König, sei uns gnädig und erhöre uns, denn wir haben keine Werke vorzuweisen! Übe an uns Gerechtigkeit und Gnade und errette uns!“
So betet die Synagogengemeinde seit Jahrhunderten überall auf der Welt. Stattdessen blieb für Luther das Judentum die personifizierte Selbstgerechtigkeit und buchstäbliche Gotteslästerung.

3. Kirche der Umkehr

Lange in solchen Denkkategorien verhaftet, haben die Kirchen der Reformation und mit ihnen weite Teile der ökumenischen Christenheit inzwischen aber unmissverständlich umgedacht und Buße getan – zuletzt und am deutlichsten in der Kundgebung der EKD-Synode am 11. November 2015. Die EKD-Synode löste eine lang gehegte Erwartung ein und formulierte: „Luther verknüpfte zentrale Einsichten seiner Theologie mit judenfeindlichen Denkmustern.“  - Für uns ergibt sich daraus: Es bedarf an zentralen Punkten einer Reformulierung reformatorischer Theologie überhaupt. Es wird hier nicht ausreichen, den einen oder anderen antijüdischen „Ausrutscher“ zu korrigieren. Es wird auch nicht damit getan sein, sich von den schändlichen Judenschriften des späten Luther zu distanzieren. Was dem Reformator verschlossen blieb, ist heute klarer denn je auszusagen: Kirche der Umkehr ist eine Kirche in bleibender Bezogenheit auf das erst- und bleibend erwählte Volk Gottes. Reformatorische Kirche ist darin semper reformanda, dass sie sich immer wieder auf den Weg zu einer nicht antijudaistischen reformatorischen Theologie, einer Theologie im christlich-jüdischen Dialog rufen lässt.

4. Von der Bekräftigung der Verheißungen

Besonderes Augenmerk gilt dabei Luthers Schriftauslegung. Sie steht auf weiten Strecken für die Gegensatzpaare von „Alt und Neu“, „Gesetz und Evangelium“, „Weissagung und Erfüllung“. Im christlich-jüdischen Dialog ist diese Diktion des Antithetischen und Adversativen zu überführen in eine Anschauung vom Komplementären und strukturell Analogen. Im Talmud begegnet geradezu als eine hermeneutische Lesehilfe die Sentenz: „Wollest auf das Alte hören, wirst du auf das Neue hören!“ (Babylonischer Talmud Berachot 40a). Will heißen: Das „Alte“ und das „Neue“ verhalten sich zueinander nicht im Sinne einer Abfolge oder Einlösung des einen durch das andere, sondern als komplementäre, miteinander zu hörende Stimmen. Nach paulinischer Überzeugung ist Christus das „Ja“ auf die Verheißungen der Schrift (2. Korinther 1,20); darin liegt sowohl die Bekräftigung des Ranges der Hebräischen Bibel für die Kirche als auch ihrer bleibenden Bedeutung als jüdische Bibel. Paulus versteht „erfüllen“ als „stärken“ und „bekräftigen“. Das „Ja“ auf die biblischen Verheißungen durch Christus lädt gerade nicht zu einem exklusiv „christologischen Lesen“ der Hebräischen Bibel ein, wohl aber zu einem Entdecken der Verstehenshilfen des Christusgeschehens in der Jüdischen Bibel (nach der Weise „wie uns die Alten sungen“, nicht nach der Melodie: „Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit“). Dieses „Ja“ ist nicht ein Veri-Fizieren, nicht erst ein Wahr-Machen dessen, was ante Christum vielleicht noch nicht wahr wäre. Das „Ja“ ist neuerliche Bestärkung dessen, was Wahrheit von Gott her schon beansprucht. Das „Ja“ auf die Schrift in Christus meint: Sie ist in Geltung, nicht im Sinne einer Sammlung erfüllter und damit abgetaner Verheißungen, sondern bestätigter, bekräftigter, durchaus auch offener Zusagen Gottes. Gerade die zukunftsoffenen Verheißungen haben wir nötig, um nicht langsam aber sicher in der Erwartung und in der Hoffnung darauf zu erlahmen, dass einmal Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern (Jesaja 11,6), dass „Gotteserkenntnis das Land bedecken werde“ (Jesaja 11,9) und „Gerechtigkeit ströme wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,24). Die in der Hebräischen Bibel gegebenen Verheißungen sind Lebenselixier auch für den christlichen Glauben.

5. Von der Hoffnungsgestalt des Neuen Bundes

So, wie die neue Lehre nicht die alte ersetzt, sondern aktualisierend an der geltenden Lehre anknüpft, ersetzt auch der neue Bund nicht den alten, sondern kann nur in Kontinuität zu ihm verstanden werden. Im Alten Testament ist von einer ganzen Reihe von Bundesschlüssen die Rede, die – angefangen bei Noah, über Abraham bis hin zum Bund am Sinai – alle aneinander anschließen und in denen immer wieder deutlich wird, dass Gott sein Volk trotz seiner Sündhaftigkeit nicht verstößt. Der in Jeremia 31,31-34 angekündigte „Neue Bund“ ist der sozusagen ins Herz eingeschriebene alte. Das ist eine wahrhaft endzeitliche Hoffnung. Das Neue ist das in der Zukunft Erwartete, es ist Verheißung. Und diese Verheißung wird vom Neuen Testament als Hoffnung bestätigt und bekräftigt – für die Schar der Jesusjüngerinnen und -jünger leibhaftig zugeteilt in Brot und Wein. Bei alledem bleibt auch für die neutestamentliche Gemeinde bis heute die Erfahrung des Neuen erst „Angeld“ (2. Korinther 5,5) und hat die Gestalt der Hoffnung.

6. „Der Jude hält die Christusfrage offen“ (Bonhoeffer)

Zum Schwur kommt es letztlich bei der Christologie: Ist das „solus Christus“, in dem für Luther alle übrigen „sola“-Wendungen verankert sind, christlich-jüdisch kommunikabel? Wenn es nicht so wäre, gäbe es jedenfalls keine ernstzunehmende christlich-jüdische Verständigung. Denn Christsein hängt am Christus. Ist aber „Christus“ nicht eine leib- und zeitlose Chiffre, können wir mit dem Apostel an prominenter Stelle sagen: Christus ist ein diákonos der jüdischen Gemeinschaft geworden „um der Wahrhaftigkeit Gottes willen und um die Verheißungen Gottes an Sein Volk zu bekräftigen“ (Römer 15,8f). Und die „Heiden“? – die sollen Gott loben und sich mit Israel freuen als „vormals Gott-lose“ (Epheser 2,12), als nun - allein durch Christus aus lauter Gnaden - Hinzugerufene. „Solus Christus“ meint: Jesus von Nazareth personifiziert für uns Christinnen und Christen die sichtbare Seite Gottes, Immanuel – „Gott mit uns”. Er nimmt damit strukturell die Stelle ein, die für Jüdinnen und Juden Bund und Tora einnehmen. Diese Erkenntnis ermöglicht einen Dialog mit unseren Glaubensgeschwistern über die Frage, wie Gott in seiner Offenbarung den Menschen nahekommen bzw. sich ihnen mitteilen kann. Nach christlichem Glauben nimmt das göttliche Wort Fleisch an (Johannes 1), wird selber Mensch. Von Jüdinnen und Juden, nicht zuletzt beim Hören auf die Bibel, etwa auf das Bilderverbot, können wir lernen, dass die Deszendenz Gottes auch Grenzen hat: Gott bleibt für uns, bei aller Nähe, letztlich doch unverfügbar. Er ist der, der uns in allem zuvorkommt. Mit dem Kommen Jesu, so bekennen wir als Christen, ist das Reich Gottes nahe herbei gekommen. Doch es ist gut, wenn Jüdinnen und Juden uns im Gespräch immer wieder darauf aufmerksam machen, dass die Welt noch unerlöst ist, dass der verheißene Frieden noch aussteht. Durch den Hinweis auf den eschatologischen Vorbehalt halten sie die Christusfrage offen, wie Dietrich Bonhoeffer formuliert hat - und mit der Christusfrage auch die Frage nach Gott, der sich mit Christus identifiziert hat.

7. Ein Nein ohne jedes Ja zur Judenmission

Wir halten fest: Die Botschaft von der Gnade kann nicht einer vermeintlichen jüdischen Werkgerechtigkeit gegenübergestellt werden. Gnade und Gebot gehören zusammen. Evangelium und Gesetz gehen Hand in Hand. Das Neue ist die Bestätigung des Alten. Das Christusgeschehen spricht dem Bundesvolk Israel Kraft und Würde zu. – Von daher fällt uns wie eine reife Frucht die Erkenntnis zu: Es kann keine christliche Judenmission geben. Sie ist ausgeschlossen von allen Prämissen unseres Glaubens her und wäre Negation der bleibenden Erwählung des Bundesvolkes, dem unser Herr Jesus Christus gerade ein Diener geworden ist. Auf die Frage nach einem direkten oder indirekten kirchlichen Missionsauftrag gegenüber dem Judentum kann die Antwort nur heißen: Nein, das sei ferne! Vielmehr sind wir mit Jüdinnen und Juden hineingerufen in eine – was Martin Luther leider so nicht zu sagen vermochte - mutua consolatio fratrum et sorrorum, in ein wechselseitiges Reden und Trösten unter Brüdern und Schwestern. Wir sind in eine Weggemeinschaft gewiesen, bei der Fragen offengehalten, Wunden geheilt und gemeinschaftliche Hoffnungen genährt werden, bis „dass Gott sei alles in allem“ (1. Korinther 15,28).

Mit diesen Worten aus dem Korintherbrief öffnet der Apostel den weitestmöglichen Horizont auch für eine Kirche der Reformation – es ist die Perspektive auf Gottes Herrschaft jenseits der Mauern der Kirche, jenseits aller religiösen und gesellschaftlichen Abgrenzungen. Reformatorische Kirche heute ist eine Kirche der Umkehr, indem sie eine dem Dialog verpflichtete Kirche ist. Sie steht gemeinsam Israel und mit allen Menschen im Dienst für den Schalom Gottes: „Denn von Ihm und durch Ihn und zu Ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen“ (Römer 11,36).

v.i.S.d.P. und Kontakt:

Pfarrer Prof. Dr. Klaus Müller
KLAK-Vorsitzender
Ev. Oberkirchenrat
Blumenstraße 1–7, 76133 Karlsruhe
E-Mail: klaus.mueller@ekiba.de

Juni 2016

www.klak.org

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